Simone Wasmann

«Ein gutes Team ist für mich extrem wichtig.»

Simone Wasmann, Kampagnenverantwortliche NGO Solidar Suisse

Erkläre bitte nochmal, was du genau machst.

Aktuell arbeite ich im Bereich Kommunikation bei der NGO Solidar Suisse, die Entwicklungsarbeit und Kampagnen zur Sensibilisierung in der Schweiz macht. Mein Fokus ist speziell Asien, die sogenannte Werkbank der Welt. Nebenbei mache ich Freiwilligenarbeit im «Campaign Bootcamp», einer Weiterbildung für Kampagnenarbeit. Eine klassische NGO-Kampagne folgt eben anderen Regeln als z. B. eine politische Initiative.

Wie bist du zu deiner Arbeit gekommen?

Das Fachwissen für diese Stelle habe ich aus mehr als zwei Jahren Arbeit bei einer Webdesign Agentur. Begonnen hatte ich als Praktikantin im Bereich Kommunikation, wurde Projektleiterin und war dort auch konzeptuell für NGO-Kampagnen zuständig.

Gab es für dich Lieblingsthemen im Studium?

Im Studium gab es Persönlichkeiten, die mich mit ihrer Begeisterung für ihr Fach angesteckt haben: Prof. Kriesi und Prof. Häusermann. Gerechtigkeits- und Verteilungsfragen und der Sozialstaat haben mich speziell interessiert. Zudem Fragen von struktureller Macht, die auch in meinen Nebenfächern behandelt wurden.

Inwiefern war denn deine Nebenfachwahl relevant für deinen beruflichen Werdegang?

Ich habe Geistes- und Sozialwissenschaften kombiniert, damit war ich breit aufgestellt: Politikwissenschaft, die mehr quantitativ orientiert ist, Geschichte mit der Hermeneutik und Ethnologie mit dem qualitativen Ansatz. Was ich mitgenommen habe ist: kritisch zu hinterfragen, analytisch zu denken und ein Verständnis für Quellen bei Recherchen. Wer sagt was warum und welche Interessen liegen dahinter? Wichtig ist auch Zahlen interpretieren zu lernen, was sie aussagen oder eben auch nicht. Das Inhaltliche muss man sich im Beruf ohnehin neu erarbeiten.

Gab es beim Übergang in den Job Überraschungen für dich?

Ich hatte keine Ahnung, was ich machen wollte. Aber ich hatte noch etwas Geld und reiste ins Ausland zum Arbeiten und Nachdenken. Mit zurück nahm ich viele Ideen. Eine davon war Kommunikation, dafür habe ich mir ein Praktikum gesucht. Nicht Unternehmenskommunikation, sondern gesellschaftlich relevante Fragen waren bereits dort mein Ziel. Mit dem Einstieg bei der Agentur Feinheit hatte ich Glück. Aber Glück kommt nicht von nichts. Ich habe also auch viele Bewerbungen geschrieben.

Welche Fähigkeiten aus dem Studium kannst du denn heute noch im Beruf anwenden?

Das Wichtigste ist selbständiges Arbeiten, was im Liz-Studium unerlässlich war, was auch zentral für die Projektleitung ist. Ausserdem Entscheidungen treffen zu können und auch mal Fehler zu machen und damit zu leben, daraus zu lernen. Manchmal fehlt Zeit für lange Abstimmungen.

Was findest du denn an deinem aktuellen Beruf toll?

Ich habe einen sehr abwechslungsreichen Job. Letztes Jahr zu Weihnachten habe ich z. B. eine menschliche Barbie in einer Holzkiste in Mattel-Verpackungsdesign auf den Paradeplatz gestellt!

Ist nun das Berufsleben besser oder war es das Studium?

Im Studium konnte ich mehr den eigenen Interessen nachgehen. Im Beruf muss ich meine Prioritäten auch mal der Organisationsstrategie anpassen. Ich fühle mich dadurch aber nicht eingeschränkt. Dafür sind mein Publikum, die Resonanz und auch das Feedback auf meine Arbeit viel grösser.

Sieht dein berufliches Umfeld heute so aus, wie du es dir vorgestellt hast?

Eine unbe- wusste Befürchtung war vielleicht, dann die Menschen mit denen ich zu tun habe nicht mehr frei wählen zu können. Ein gutes Team ist für mich extrem wichtig – und das habe ich aktuell.

In NGOs ist man ja häufig von Idealisten umgeben: Hast du selbst einen wilden Wunsch oder Traum?

Wenn die Frage in Richtung Weltfrieden zielt, wünsche ich mir: Ungleichheit, aber auch die durch relative Deprivation verursachte Gesellschaftsspaltung zu stoppen. Ausserdem das Wirtschaftssystem, das so einfach nicht stabil ist. Immer wachsen – wohin denn? Wir sind eine Kugel! Es geht mir nicht darum, die Globalisierung umzukehren. Aber diese völlige Entkopplung von Verantwortlichkeiten macht mir Sorgen.

Auf welche Erfahrungen deiner Studienzeit würdest du nicht verzichten wollen, was hättest du anders gemacht?

Auch Rückblickend würde ich genau so viel in den Ausgang gehen. Es gehört dazu, dass man sich auslebt und nicht, wie gerade Trend, alles auf die Karriere auszurichten. Ich habe nebenbei immer 40 Prozent gearbeitet, im Callcenter, als Hilfsassistentin oder im Service, wo ich viel über Menschen und die Gesellschaft gelernt habe. Mehr investiert hätte ich in freiwilliges Engagement. Das kann spannende Einblicke und coole Netzwerke ermöglichen, die man in einem bezahlten Praktikum nicht bekommt.

Deine Story oder weiser Rat aus dem Berufsleben?

Gleich zu Beginn meines Jobs bei Solidar Suisse kam ein Interview im Schweizer Fernsehen bei 10vor10 auf mich zu. Furchtbar! Mein Tipp: einfach durchziehen. In 99% der Fälle kommt es gut. Und auch bei Fehlern kann man meistens noch was ausbügeln, selten stirbt irgendwer daran. Ein interessanter Job heisst auch immer, dass man am Anfang etwas schwimmt, sonst wird es nach zwei Monaten bereits langweilig. Kurz: Traut Euch, ins kalte Wasser zu springen!