Sharon Sue Siegenthaler

«Bildet euch eure eigene Meinung und seid kritisch.»

Sharon Sue Siegenthaler, Wissenschaftliche Mitarbeiterin EDK und Gemeinderätin Jegenstorf

Wofür hast du dich im Studium am meisten begeistert?

Politikwissenschaft habe ich primär aus Interesse an politischen Prozessen studiert. Vor allem die Internationalen Beziehungen und Sicherheitspolitik waren ausschlaggebend. Während des Studiums habe ich dann gemerkt, dass mich auch Innenpolitik sehr interessiert. Was auch zu meiner Studienwahl beigetragen hat, war eine Broschüre über den langen Weg zum Frauenstimmrecht in der Schweiz. Ich begriff, was es bedeutete, dass all die Generationen von Frauen vor mir politisch überhaupt nicht mitbestimmen konnten. Für mich damals kaum zu fassen: Warum es dermassen lange gedauert hatte, bis ihr Kampf endlich zum Ziel führte!

Im Studium gibt es ja auch mal Frust – wie bist du damit umgegangen?

Im Studium habe ich viel Sport gemacht. Das macht den Kopf frei. Der Gedanke an meine abgeschlossene Bank- und Finanzausbildung hat mich zudem sehr entspannt. Denn falls es mal schiefgehen sollte, dachte ich mir: Ich könnte ja immer noch in der Bank unterkommen. Auch noch nebenbei zu arbeiten, half.

Wo bist du beruflich gelandet?

Ich arbeite im Generalsekretariat der Schweizerischen Konferenz der Erziehungsdirektoren. Dort bin ich in der Abteilung Recht für die Diplom- anerkennung zuständig. Wir überprüfen ausländische Lehrdiplome auf Gleichwertigkeit mit dem Schweizerischen Abschluss. Nebenamtlich engagiere ich mich in der Bildungskommission der Gemeinde Jegenstorf, wo ich Vizepräsidentin der FDP Jegenstorf und Umgebung bin. Dann arbeite ich noch als TRX- und Bootcamp-Instruktorin.

Gab es im Studium ein Schlüsselmoment, wo du wusstest, was du danach machen willst?

Bei Sicherheits- und Innenpolitik habe ich gemerkt, wie sehr mich diese Themen interessieren – so war der Bund als Arbeitgeber naheliegend. Ich habe dann nach dem Bachelor ein Praktikum gemacht im Bereich Internationale Beziehungen im VBS (Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport).

Was gefällt dir an deinem Beruf?

Ganz Vieles! Ich nutze zum Beispiel alle drei Landessprachen plus Englisch. Meine Tätigkeit ist sehr abwechslungsreich und der Austausch mit ausländischen Behörden ist spannend. Ich erhalte viele Einblicke in die Bildungssysteme anderer Staaten und das gefällt mir sehr.

Studienzeit oder Berufsleben – was ist besser?

Im Studium hast du viel mehr Zeit, kannst dich vertieft mit Themen auseinandersetzen. Das ist im Berufsalltag so nicht mehr möglich. Wenn ich im Job ein Thema bearbeite, muss das heute zackig gehen. Alle Informationen müssen schnell da sein. Manchmal vermisse ich die Studienzeit schon, war ja eine tolle Zeit. Aber ich muss klar sagen: Ich bin total glücklich im Job. Wir haben ein super Team und einen schönen und zentralen Arbeitsort mitten in Bern.

Hast du für unsere Studierenden einen guten Rat für den Einstieg in die Berufswelt?

Sicher ist es zentral, wenn man während des Studiums arbeitet, erstmal egal was. Dann ist das Netzwerken wichtig. Ich habe für die Bachelorarbeit Interviews geführt. Diese Kontakte, sei es beim Bund oder woanders, bringen einem sehr viel, gerade wenn man eine Stelle sucht.

Die wichtigsten Erfahrungen und Fähigkeiten aus dem Studium?

Vor allem das analytische Denken, wissenschaftliches Arbeiten und kritisch Dinge zu hinterfragen. Auch die Fähigkeit, sich schnell in ein neues Thema einzuarbeiten. Diese Fähigkeiten braucht es überall. Rasch die Probleme erfassen und die Vor- und Nachteile möglicher Lösungen erkennen. Ich glaube, das sind die Schlüsselkompetenzen, die man in jedem Studium erwirbt. Natürlich finde ich das Studium der Politikwissenschaft sehr empfehlenswert *lacht*. Gerade bei der heutigen Weltpolitik ist es besonders wichtig, den Studierenden Folgendes mit auf den Weg zu geben: Bildet euch eure eigene Meinung, seid kritisch mit Aussagen und überlegt euch die jeweiligen Konsequenzen!

Auf welche Erfahrungen aus der Studienzeit möchtest du nicht verzichten? Würdest du vielleicht etwas anders machen?

Wenn ich zurückschaue, gibt es nicht vieles, was ich ändern würde. Vielleicht wäre ich heute etwas gelassener und würde ich mich nicht selbst so unter Druck setzen. Natürlich kann man das relativ locker sagen im Nachhinein, wenn es gut gelaufen ist.

Hast du noch etwas zu ergänzen?

Gerne. Was ich den jetzigen Studenten wirklich mit auf den Weg geben möchte, ist, möglichst früh berufliche Erfahrung zu sammeln – sei dies in einem Praktikum oder an einer regulären Arbeitsstelle. Kontakte zu knüpfen und Netzwerke aufzubauen ist unerlässlich für die gesamte weitere Karriere.