Christian Schneider

«Sehr positiv an meinem Beruf ist die Gestaltungsfreiheit.»

Dr. Christian Schneider, Strategischer Analytiker Bundeskriminalpolizei

Was genau machst du beim Bundesamt für Polizei?

Ich arbeite bei der Kriminalanalyse auf der strategischen Ebene. Meine Aufgabe dort ist es nicht, einzelne Fälle, sondern Kriminalitätsphänomene zu analysieren.

Hat dich das Thema schon während des Studiums interessiert?

Als ich anfing zu studieren, standen vor allem theoretische und politisch-philosophische Fragen im Vordergrund. Später habe ich gemerkt, dass es das Spannendste ist, Theorie und Praxis miteinander zu verknüpfen. Die Interessen, die hinter meinen jetzigen Netzwerken und Tätigkeitsfeldern stehen, hatte ich also bereits als relativ junger Student.

Frust im Studium – wie bist du damit umgegangen?

Meine Überzeugung war immer, dass man Frust nicht allein mit sich abmacht. Also braucht man ein Netzwerk von Freunden, die ähnlich arbeiten und ähnliche Ambitionen haben und mit denen ich mich austauschen konnte. Wäre ich allein gewesen, hätte ich das sicher nicht so interessant und spannend gefunden.

Welche Fähigkeiten, die du im Studium erworben hast, kannst du heute im Job anwenden?

Das sind vor allem zwei: zum einen mehr auf der Ebene des Mindsets, also die sozialwissenschaftliche Denkweise: Dinge in einem Kontext zu interpretieren, gleichzeitig nach Gesetzmässigkeiten und Mustern in den Daten oder dem Verhalten zu suchen. Das hat mir im Job bisher sehr viel gebracht. Da habe ich gegenüber meinen Kollegen, die z. B. Jura oder Geschichte studiert haben, eine andere Herangehensweise. Zum anderen die Skills: Mein Job ist relativ präsentations- und «schreiblastig». Besonders das Schreiben habe ich im Studium gelernt. Präsentieren musste ich später als Forschungsassistent viel. Es hat mir gutgetan, dass ich jede Woche mindestens 2 bis 4 Stunden Lehre gegeben habe. Regelmässig vor einer Gruppe zu stehen und mich oder die Inhalte verkaufen zu müssen.

Was magst du besonders an deinem Beruf?

Sehr positiv an meinem Beruf ist die Gestaltungsfreiheit, natürlich innerhalb der Leitplanken, die mir mein Dossier vorgibt. Ich kann selbst entscheiden, ob ich eher mehr Zeit am PC verbringe und Daten analysiere oder ob ich rausgehe und mich mit den Kontakten über meine Fragen unterhalte. Die gute Mischung macht meine Position sehr interessant.

Hast du dir deine Arbeit so vorgestellt?

Die Frage ist, was hat man für eine Vorstellung gehabt? Viele, die ein Doktorat anfangen, denken, dass sie in der Wissenschaft bleiben werden. Das Doktorat hat mich schon ziemlich gut auf meine Arbeit vorbereitet: Es geht auch jetzt darum, komplexe Zusammenhänge aus der Wissenschaft in eine Anwendung zu bringen. Sei es für Menschen, die nie mit dem akademischen oder sozialwissenschaftlichen Bereich in Kontakt gekommen sind oder zu übersetzen, was die Forschung herausgefunden hat. Oder, dass man eigene Analysen macht und die Ergebnisse nachher vermittelt. Wenn das Berufsziel also nicht darin besteht, Professor an einer Uni zu werden, sondern den Bestand an Wissen zu einem Thema in verständlicher Form an den Mann oder die Frau zu bringen, ist das berufliche Umfeld dem doch sehr ähnlich.

Und, ist es jetzt der Traumjob, von dem du vorher nicht wusstest?

Für eine gewisse Zeit, ja. Ich mag es, mit vielen verschiedenen Leuten zu tun zu haben, sowohl menschlich als auch inhaltlich. Es ist sehr spannend, so viele Kontexte zu sehen, in denen Menschen arbeiten. Diese tiefen Einblicke, wie zum Beispiel in Polizeikorps, hätte ich mir früher nie vorstellen können.

Wenn du nochmal studieren würdest, was würdest du anders machen?

Ich würde zum Studienbeginn wohl etwas weniger leistungsorientiert vorgehen. Auch mal Dinge angehen, bei denen man unsicher ist, ob man es überhaupt schafft. Einfach ausprobieren, denn im Nachhinein fragt niemand gross danach. Für einen selbst war die Erfahrung aber vielleicht wichtig. Klar geben gute Noten eine gewisse Befriedigung, aber Scheitern ist ein essenzieller Teil des Studiums, den man viel bewusster wahrnehmen sollte. Dort ist es auch viel leichter, später wird es durch andere Sachzwänge immer schwieriger.

Die wichtigsten Erkenntnisse, Erfahrungen oder Einstellungen, die du aus dem Studium mitgenommen hast?

Eine sehr gute Erfahrung ist, einmal im Leben viel Zeit zu haben für etwas, das man selbst gewählt hat. Das Studium prägt auch das Mindset sehr – die sozialwissenschaftliche Brille wird man so schnell nicht mehr los. Das ist jetzt ein Teil meiner Identität und meiner Art geworden, wie ich die Welt wahrnehme.