Berlinger

«Auslandserfahrungen und Praktika lohnen sich definitv immer.»

Patrik Berlinger, Leiter Fachstelle Entwicklungspolitik Caritas Schweiz

Warum hast du Politikwissenschaft studiert?

Ich habe eine Banklehre gemacht, was mir aber nicht richtig entsprochen hat. Daher habe ich die Matura nachgeholt und aus Interesse mit dem Studium begonnen, ohne, dass ich eine genaue Vorstellung von den Inhalten des Studiums hatte.

Und wie bist du zu deiner jetzigen Stelle gekommen?

Mir war relativ schnell klar, dass ich später zum Aussendepartement oder zu einer zivilgesellschaftlichen Organisation wollte. Deswegen habe ich ein Praktikum gemacht bei der ständigen Vertretung der Schweiz bei der UNO. Dort erhielt ich einen super Einblick in das Internationale System, seine Prozesse und Komplexität. Meine Stelle am Center for Security Studies der ETH half mir, die wissenschaftliche Perspektive auf Entwicklungsfragen und sicherheitspolitische Herausforderungen zu vertiefen. Beide Stellen zusammen sind wohl entscheidend dafür gewesen, dass ich die Stelle bei der Caritas als Fachstellenleiter für Entwicklungspolitik bekommen habe. Ich bin für diese Stelle relativ jung und habe wenig Berufserfahrung. Deshalb war ich etwas überrascht über die Zusage. Es zeigt aber einfach, wie wichtig es ist, sich etwas zuzutrauen und es zu probieren.

Brauchst du heute im Job bestimmte Fähigkeiten aus deinem Studium?

Einerseits ist es tatsächlich das thematische Wissen aus den Wahlmodulen oder den Schwerpunktveranstaltungen. Andererseits ist es das analytische Vorgehen: strategisches Denken, Argumentieren und Vereinfachen komplexer Texte. Eine der zentralen Aufgaben in meinem Job ist es, schwierige Sachverhalte zu verstehen, einfach erklären und diskutieren zu können: Also klar zu sagen, um was es eigentlich geht. Das könnte ich ohne die Fähigkeiten aus dem Studium nicht.

Was war sonst noch hilfreich?

Auslandserfahrungen und Praktika! Auch wenn es nur ein Monat ist, so sieht man in eine Organisation hinein und lernt, welche Fähigkeiten einem selbst noch fehlen, um einmal bei einer vergleichbaren Organisation zu arbeiten. Praxiserfahrungen lohnen sich definitiv immer. Ich habe viel gearbeitet, um mein Studium zu finanzieren, einfache Studijobs, nichts Berufsrelevantes. Während der Semesterferien habe ich jeweils relevante Praktika gemacht. Wenn man mal «drin» ist, dann klappt es einfacher mit den Stellen. Vermutlich macht der konkrete fachliche Inhalt des Studiums nur etwa die Hälfte der Studienerfahrung aus. Die andere Hälfte ist das «über den Tellerrand schauen» müssen und können.

Gefällt dir im Berufsleben etwas besser als im Studium?

Sicher der hohe Praxisanteil. Was ich während des Studiums vielleicht etwas zu wenig geschätzt habe, ist die Flexibilität und Freiheit. Im Job muss ich meine Zeit sehr bewusst einteilen und habe einen klaren Auftrag. Leider hatte man manchmal im Studium das Gefühl, etwas nur zur Erreichung gewisser Kreditpunkte zu tun. Aber rückblickend stimmt das nicht – die Freiheit, sich in Themen zu vertiefen, die man nicht unbedingt vertiefen müsste, auch einmal Dinge zu tun, die man nicht für wahnsinnig relevant hält, aber halt dazugehören – das hilft sehr für den späteren Beruf.

Was sind die wichtigsten Erfahrungen aus deinem Studium?

Strukturiertes Vorgehen: Man sollte sich zu Beginn des Studiums ernsthaft fragen, wohin man möchte und was einem dieses Studium wirklich bringen soll. In diesen Schwerpunkten sollte man sich dann auch vertiefen und mehr arbeiten, als es vom Studium verlangt wird.

Gibt es einen Rat, den du aktuellen Studierenden für ihren Einstieg in die Berufswelt mitgeben möchtest?

Bei Referaten kann man viel lernen. Oft geht es um sehr spezifische Themen und die Gefahr ist gross, sich in der Komplexität zu verlieren. Dabei sollte man sich die Zeit nehmen, sich einfach mal zu überlegen, was eine gewisse Entscheidung für die Schweiz bedeuten würde, was Politiker verschiedener Parteien zu bestimmten Argumenten sagen würden oder was die wichtigsten Punkte eines Textes eigentlich sind. Denn im Grunde sollte ein Referat auch für Kollegen oder Eltern verständlich sein. Genau das ist die Fähigkeit, die es später im Berufsleben braucht. Man kann sich dann nicht mehr hinter der Komplexität verstecken.