Wissenschaft als Orientierungshilfe in der Politik

Daniel Kübler im Editorial der Februar-Ausgabe des Newsletters des Schweizerischen Städteverbandes.

Ein Landeanflug im dichten Nebel hat etwas Mystisches. Nur der zunehmende Druck in den Ohren und die Geräusche der Landeklappen lassen erahnen, dass sich das Flugzeug dem Boden nähert - bis dann im Fenster plötzlich die Landebahn auftaucht. Natürlich wissen wir alle, dass ein erfolgreicher Blindflug nicht auf mystischen Gaben des Piloten beruht, sondern auf der Fähigkeit, Instrumentenangaben zu analysieren und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Ähnlich verhält es sich mit der politischen Steuerung von modernen Gesellschaften. Je komplexer die Probleme, desto wichtiger wird die Verfügbarkeit guter Messinstrumente, deren Anzeigen vor Entscheidungen konsultiert werden können. Daten bereit zu stellen, welche den gesellschaftlichen und politischen Akteuren als Orientierungspunkte dienen, ist die Aufgabe der öffentlichen Statistik. So gibt zum Beispiel der Landesindex der Konsumentenpreise Aufschluss über die jährliche Teuerung. Er stellt bei Lohnverhandlungenen einen wichtigen Eckwert dar, der zur Versachlichung der Auseinandersetzungen beiträgt.

Auch bei staatlichen Programmen spielen statistische Kategorien eine wichtige Rolle. Gemäss Artikel 50 der Bundesverfassung soll der Bund bei seinem Handeln Rücksicht nehmen auf die besondere Situation von Agglomerationen. Was aber ist eine Agglomeration und wie viele davon gibt es? Die Bestimmung von konkreten Perimetern beruht auf der wissenschaftlichen Auswertung von kleinräumig verfügbaren Daten zur Dichte von Einwohnern, Arbeitsplätzen, Logiernächten und Pendlerströmen. Sie bilden den Bezugspunkt für die Agglomerationspolitik, welche der Bund seit der Jahrtausendwende betreibt. Wissenschaftliche Evidenz spielt ausserdem eine zunehmende Rolle bei der Ausgestaltung staatlicher Massnahmen. So hat eine Dissertation im Rahmen des NFS Demokratie gezeigt, dass datenbasierte Fakten über die Wirksamkeit politischer Massnahmen wichtige Grundlagen bei Gesetzesrevisionen darstellen.

Wie die Instrumente der Cockpitbesatzung eines Flugzeugs sind öffentliche Statistik und Wissenschaft wichtige Orientierungshilfen für die Politik. Allerdings stellt die Erhebung der zugrunde liegenden Daten einen Aufwand dar. Diese empfinden viele Datenlieferanten zunehmend als Belastung, wie die aktuellen Diskussionen um die Unternehmensstatistik zeigen. Öffentliche Statistik und Wissenschaft stehen deshalb in der Verantwortung, ihre Erhebungsmethoden laufend zu optimieren. Wenn Statistik stärker als belastend denn als nutzbringend wahrgenommen wird, verliert sie ihren Rückhalt in der Öffentlichkeit. Damit aber ist niemandem gedient. Denn letztlich haben wir alle ein Interesse daran, uns auch im Nebel zurechtzufinden.

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