Altersvorsorge 2020

Conjoint-Befragung der Schweizer Stimmbevölkerung zu Reformvorschlägen in der Schweizer Altersvorsorge. Befragungszeitraum März – Juni 2015

Prof. Dr. Silja Häusermann
Dr. Denise Traber
Thomas Kurer MA

Wir präsentieren die Befunde einer repräsentativen Befragung stimmberechtiger Bürger und Bürgerinnen in der Deutschschweiz und der Romandie. 1873 Personen haben an der Online-Umfrage zur laufenden Reform „Altersvorsorge 2020“ teilgenommen. Dabei wurden sie unter anderem gebeten, hypothetische Reformpakete zu bewerten und jeweils paarweise zu vergleichen (eine sogenannte „conjoint-Befragung“).

Aus den Vergleichen möglicher Reformpakete lassen sich verlässliche Schlüsse darüber ziehen, welche Elemente der vorliegenden Rentenreform „Altersvorsorge 2020“ Unterstützung für die Reform generieren und welche Elemente dem Rückhalt der Reform in einer möglichen Volksabstimmung schaden würden. Die Resultate unserer Studie beruhen auf fast 18’000 Beurteilungen von Reformpaketen. Dies sind die wichtigsten Befunde:

Weit über die Hälfte der Schweizer Stimmbevölkerung schätzt den Reformbedarf in der Altersvorsorge als nicht dramatisch ein. Nur gut 30 Prozent halten Reformen für dringend notwendig. Zudem halten fast zwei Drittel der Befragten Leistungskürzungen für „nicht akzeptabel“ und möchten die Altersvorsorge eher durch Mehreinnahmen sichern. Diese Befunde gelten in ihrer Tendenz quer durch alle Parteilager. Diese Zahlen zeigen, wie eng der Spielraum der Politik ist, eine Reform vorzulegen, welche finanziell tragbar und gleichzeitig mehrheitsfähig sein soll.

Trotz dieser schwierigen Ausgangslage sind mehrheitsfähige Reformpakete möglich, insbesondere weil Widerstand gegen Kürzungen mit populäreren Massnahmen (Mehreinnahmen oder sogar Leistungsausbau) kompensiert werden kann. Das bundesrätliche Reformpaket findet in unseren Daten eine Unterstützung von etwa 60 Prozent.

Eine Erhöhung des Rentenalters auf 67 scheint für die Mehrheitsfähigkeit der Vorlage allerdings eine „rote Linie“ darzustellen. Keines der hypothetischen Pakete, welche dieses Element enthielten, erzielte deutliche Zustimmung in der Umfrage.

Mittels unserer conjoint-Umfrage können wir ermitteln, welche Elemente der Reform besonders wichtig sind, im Sinn dass sie starke (positive oder negative) Auswirkungen auf die Unterstützung des Reformpaketes haben. Dabei zeigt sich, dass die Bevölkerung auf Änderungen beim Rentenalter, bei der Witwenrente, beim Umwandlungssatz und der Eintrittsschwelle in die zweite Säule besonders stark reagiert, während eine massvolle Erhöhung der Mehrwertsteuer oder Änderungen bezüglich Frühpensionierung in der Bevölkerung weniger wichtig gewertet werden.

Bezüglich Rentenalter zeigen sich besonders spannende Resultate: Eine Erhöhung des Frauenrentenalters auf 65 Jahre trägt in allen Altersgruppen und Parteien (ausser der nennenswerten Ausnahme der SVP) klar und deutlich zur Unterstützung der Reform bei, im Vergleich zu einem Reformvorschlag der beim Rentenalter den status quo beibehält. Sogar die Anhänger und Anhängerinnen der SP und der Grünen stehen dieser Erhöhung nicht nur indifferent, sondern sogar positiv gegenüber.

Auf der anderen Seite wirkt sich die Senkung des Umwandlungssatzes klar negativ auf die Bewertung der Gesamtreform aus, und dies quer durch alle Parteien und Altersgruppen. Wird diese Senkung mittels höherer Altersguthaben kompensiert ist sie weniger unpopulär, sie bleibt jedoch auch dann ein klares Hindernis für die Zustimmung zur Reform, nicht nur auf der Linken, sondern auch in der Wählerschaft der bürgerlichen Parteien (insb. FDP und SVP).

Die Senkung der BVG-Eintrittsschwelle kann als Konzession gesehen werden, welche v.a. Frauen nützen würde. In der Tat „zieht“ diese Massnahme im linken Lager und bei den Frauen: eine Ausweitung der zweiten Säule auf Teilzeitbeschäftigte und TieflohnbezügerInnen steigert die Zustimmung zur Reform bei diesen WählerInnen besonders stark.